Renaissance der Senfgasforschung an deutschen Universitäten
»Lost« ist das Synonym

Von Wolfram Metzger

Junge Welt 23.06.2011


Senfgas, könnte man meinen, gehört ins Zeughaus, wo altertümliche Waffen ausgestellt werden, die im modernen Krieg keine Verwendung mehr finden. Wer jedoch den englischen Begriff »sulfur mustard« in die zentrale internationale Datenbank für medizinisch-wissenschaftliche Literatur
(»pubmed«) eingibt, kann ein wachsendes Interesse der biomedizinischen Forschung an diesem Kampfstoff feststellen. Für das Jahr 2000 sind 13 Publikationen auf internationalem Niveau aufgelistet. Bei stetig steigender Tendenz sind es im Jahr 2010 bereits 44 Artikel. Senfgas heißt so, weil es in seiner unaufbereiteten Form stark nach Senf oder Schwefel riecht. Die stinkende Flüssigkeit wurde schon 1822 von einem belgischen Chemiker beschrieben, bekam aber erst im Jahr 1916 ihre Bestimmung als chemische Waffe: Zwei Mitarbeiter von Fritz Haber, dem Pionier chemischer Kriegsführung und Nobelpreisträger am Kaiser-Wilhelm-Institut, machten den Vorschlag, das »Bis (2-chlorethyl)sulfid« als Giftgas im Ersten Weltkrieg zu verwenden. Sie hießen Fritz Lommel und Fritz Steinkopf. Das im Militärjargon gebräuchliche Senfgas-Synonym »Lost« entstand aus den ersten Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen.

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Experten unter sich

„Themenfeld Krieg und organisierte Gewalt“: Die Bundeswehr verstärkt ihren Einfluß auf die deutschen Universitäten.

Von Peer Heinelt (Konkret, Heft 08, 2009)

Militarisierung war gestern; heute ist hierzulande ebenso unverfänglich wie vornehm von „zivil-militärischer Zusammenarbeit“ die Rede. Gemeint ist ein und dasselbe: die Indienstnahme ziviler Experten für militärische Zwecke und die Einflußnahme der Bundeswehr auf zivile Institutionen. Zu beobachten ist dieser mehr oder weniger schleichende Prozeß auf dem Gebiet des Katastrophenschutzes, der sogenannten Entwicklungshilfe und im Gesundheitswesen. Das ist insofern nicht verwunderlich, als die in den genannten Bereichen tätigen Organisationen und Unternehmen für die deutschen Streitkräfte von strategischer Bedeutung sind: Maßnahmen der Katastrophenhilfe ermöglichen den Einsatz der Truppe im Inland; die Zusammenarbeit mit Krankenhäusern bei der Versorgung von Schwerverletzten steigert die Kriegsführungsfähigkeit; „Entwicklungshilfe“ gilt Militärplanern längst als Pendant erfolgreicher Aufstandsbekämpfung. Allerdings macht die beschriebene Entwicklung auch vor Einrichtungen, die formal lediglich der „Freiheit von Forschung und Lehre“ verpflichtet sind, nicht halt: Auf vielfältige Art und Weise wird mittlerweile an deutschen Universitäten der Bundeswehr zugearbeitet, die ihrerseits den dort versammelten Studenten und Dozenten gerne ihre Expertise und praktische Unterstützung zukommen läßt.

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