Grußbotschaft von Martin Löwenberg an den Kongress

Liebe Studierende und Friedensfreund/innen,

ich habe mich über die Einladung zu Eurem Kongress sehr gefreut, kann ihr in meinem 87. Lebensjahr aber leider nicht folgen und möchte deswegen auf diesem Weg einige Worte an Euch richten. Zuerst einmal einen Dank für Eure Arbeit gegen die Militarisierung der Hochschulen. Den deutschen Militarismus habe ich vor und nach der Befreiung am eigenen Leibe erfahren und immer gegen ihn angekämpft. Wenn heute in den Medien über den angeblichen „deutschen Pazifismus“ lamentiert wird, so ist das eine Verhöhnung in doppeltem Sinn. Die Bundeswehr ist seit 1999 an Kriegen beteiligt. Die Opfer zweier von deutschem Boden ausgegangener Kriege werden mit Hebertshausen nahe der KZ-Gedenkstätte Dachau solchen Redensarten ein zweites Mal getötet. Völlig verdrängt werden die Lehren daraus, die mit den „vier D’s“ als gesellschaftlichem Nachkriegskonsens über alle politischen und weltanschaulichen Strömungen hinweg gezogen worden sind. Das erste D stand für Demilitarisierung aller Bereiche des öffentlichen Lebens, d. h. für die Ausschaltung der Strukturen des „Befehl und Gehorsam“, des tief verwurzelten Kadavergehorsams, z. B. in der Erziehung, der Arbeit, der Verwaltung und in den Köpfen. Es ging um einen radikaler Bruch mit der militaristischen Vergangenheit und um den Aufbau einer neuen, demokratischen Gesellschaft. Das Studium der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte ist von größter Bedeutung, weil es heute erneut um die Demilitarisierung der Außenpolitik und des öffentlichen Lebens geht. Alles begann in den 50er Jahren mit der Wiederbewaffnung und dem NATO-Beitritt. Nur eine einzige Begebenheit aus den großen Protesten gegen die Remilitarisierung möchte ich in Erinnerung rufen, die zu den schwersten Augenblicken in meinem Leben zählt. An der Jugendkarawane gegen Wiederaufrüstung am Pfingstsonntag 1952 hatte ich Seite an Seite mit meinem Gewerkschaftskollegen Philipp Müller in Essen teilgenommen. Zwei Polizeikugeln hatten meinen Freund in den Rücken und ins Herz getroffen. Ich musste seiner Mutter gegenüber treten und ihr den Tod ihres Sohnes mitteilen. …. Doch noch ein zweites: Wegen meines politischen Engagements kam ich 1958 und 1962 jeweils für acht Monate in Einzelhaft ins Gefängnis München-Stadelheim. Ich habe nie aufgehört, über Militarismus, Rassismus und Neofaschismus aufzuklären und dagegen tätig zu werden. Zum Aufruf „Nicht in unserem Namen“ zur NATO-Sicherheitskonferenz im letzten Jahr hatte ich folgendes aufgeschrieben: „Die erste politische Veranstaltung, auf der ich nach unserer Befreiung am 7. Mai 1945 aus dem KZ-Außenlager Leitmeritz gesprochen habe, stand unter dem Motto ,mit den Waffen des Geistes – gegen den Geist der Waffen’. Dieser Leitsatz hat mich mein ganzes Leben begleitet. Denn ohne die aktive Unterstützung durch die Deutsche Wehrmacht hätte es keinen Holocaust gegeben. Darum bekämpfe ich auch heute noch den verfluchten deutschen Militarismus bei Gelöbnissen, Sicherheitskonferenzen und im Alltag.“
Die Rolle des Chefs der NATO-Sicherheitskonferenz Wolfgang Ischinger und seiner Vorgänger ist mir also bekannt und ich habe mich mit seinen Positionen auseinander gesetzt. Ich bin empört darüber, dass ein solcher Kriegstreiber zum Honorarprofessor an der Universität Tübingen bestellt worden ist. Eure Forderung nach Beendigung dieser Honorarprofessur unterstütze ich von ganzem Herzen ebenso wie die Forderung nach Beendigung der Rüstungsforschungsprogramme. Wie ich in diesem Zusammenhang mit Freude gehört habe, hat der Bundeskongress meiner Gewerkschaft ver.di die Friedensverpflichtung durch Zivilklauseln für alle Hochschulen gefordert. Und ebenso gefreut habe ich mich über die aktuelle Meldung, dass es einer Protestbewegung in Hamburg gelungen ist, dass die beabsichtigten Etatkürzungen für die Hochschulen zurück genommen werden mussten und die Studiengebühren abgeschafft werden. Die gewerkschaftlichen Initiatoren sprechen von einer qualitativ neuen Einheit zwischen Studierenden und Beschäftigten, die gegen befristete Verträge und gegen die Einschränkung der Hochschulfreiheit aus Personalversammlungen heraus auf eine Großdemonstration gezogen sind. Für diese Einheit aller Menschen und politischen Gruppierungen für Freiheit und Demokratie, gegen Rüstung und Krieg und für ausschließlich zivile Konfliktlösungen habe ich mich ein Leben lang eingesetzt. In diesem Sinne wünsche ich dem Kongress viel Erfolg. Machen wir aus diesem Land ein dauerhaft antimilitaristisches, freiheitliches Gemeinwesen. Das ist das Vermächtnis des antifaschistischen Widerstandes.

München, 26. Oktober 2011